zur arbeitsmethode sauerborns

struktur – farbe – malerische kontrolle

1 strukturfindung
in den arbeiten sauerborns (1) liegt, wie die künstlerin schreibt, „das gewicht. … mehr auf der seite der farbe als auf struktur- bzw. formproblemen“ (2). die farbe wird in ihrer extremen, lichthaltigen reduktion trägerin des eigentlichen bildgeschehens. um sich aber artikulieren zu können und nicht „in leere tautologien der monochromie zu verfallen “ (3), bedarf die farbe der organisation durch die struktur. im zuge der gewichtsverlagerung auf die farbe aber werden die mittel der kombinatorik und der gesetzmäßigen, systematischen variation zur gewinnung des strukturgerüstes des bildes vorrangig gegenüber der ursprünglich immer grundsätzlich neuen setzung einer einzelnen struktur. die methode, die dabei zur anwendung kommt, kann man als regressive methode bezeichnen, der sich eine progressive phase der konstruktion anschließt. das bedeutet, daß aus dem fundus immer neu entstehender strukturskizzen bei deren sichtung einige als verwandt herausgegriffen werden und das gesetz ihres zusammenhangs explizit formuliert wird. daran schließt sich in einer progressiven phase die konstruktion einer diskreten folge von konstellationen an, in die sich die zugrunde gelegte gesetzmäßigkeit entwickelt und konkretisiert. so wird z. b. sehr häufig eine gegebene skizze k0 zusammen mit einer reihe ähnlich gearteter skizzen in der regressiven stufe analysiert und anschließend gesetzmäßig konstruiert durch drehung einer achse um einen fixpunkt mit je 45 grad im mathematisch positiven sinn (4). hierdurch entsteht „eine folge von neun diskreten konstellationen k1 bis K9, wobei die letzte mit der ersten konstellation identisch ist. derjenige teil der kompositorischen arbeit, der in der strukturfindung besteht, wird also weitgehend verselbständigt und objektiviert.

2 farbverteilung
auch die farbverteilung wird anschließend objektiviert und einer regel unterstellt. dazu werden die einzelnen strukturfelder zu klassen zusammengefaßt und ihnen zweistellige zahlen zugeordnet. so ergeben sich prinzipiell drei verschiedene klassen von planimetrischen feldern, die durch die erste ziffer bezeichnet werden: 1x, 2y, 3z, je nachdem, ob es sich um felder handelt, die dem grund zugeordnet werden (1x) oder der figur; und hier wieder differenziert nach kreiselelementen (2y) und streifenelementen (3z). diese klassifizierung wird hier allerdings nur zwecks analytischer klarheit der demonstration vorgenommen, denn die intentionen sauerborns gehen gerade auf eine aufhebung der figur/grund-differenzierung hin. Aus kompositorischen gründen, die in der intention sauerborns liegen, werden die in klassen aufgeteilten strukturfelder der farbe nach teilweise gleichgesetzt, wobei natürlich nur nicht-benachbarte felder farblich identifiziert werden können, ohne die gesamtstruktur aufzuheben. damit schränkt sich die zahl der möglichen verschiedenen farben wesentlich ein. gemäß dem programm einer exakten untersuchung aller modifikationen, denen die interdependenz der farbe durch die variative kompositionstechnik unterliegt, wird danach ein diagramm aufgestellt, das die mögliche farbverteilung unter zugrundelegung von n farbtönen 1 bis n innerhalb der kette von m systematisch aus einer ausgangssituation entwickelten konstellationen regelt.

3 malerische kontrolle
festzustellen bleibt noch, an welchen punkten dieser methodischen entwicklung des bildgeschehens die objektivität der gesetzmäßigkeit entsprechend ihrem rein instrumentalen charakter der malerischen kontrolle untergeordnet und von ihr abgelöst wird. denn das sagen die statements sauerborns deutlich, daß die malerische kontrolle überall den vorrang hat, alle methodik ausschließlich mittel ist, mittel zwar einer möglichst exakten und vollständigen untersuchung der bildfläche, aber nicht schon selbstzweck und komposition an sich. die spontaneität der malerischen kontrolle realisiert sich an sechs punkten der bildentstehung: 1. im aufbau des fundus an strukturskizzen; 2. in der effektiven auswahl des strukturbildenden gesetzes; 3. in der so und nicht anders erfolgenden farblichen identifikation der strukturfelder; 4. in der konkreten wahl der zugrunde liegenden farbskala; 5. im malprozeß, in dessen verlauf das vorher festgelegte farbverteilungsschema unter umständen anhand der konkreten farbsituation modifiziert wird; 6. in der annahme bzw. dem verwerten des ergebnisses. somit ordnet sich also dem primat der malerischen kontrolle alles unter: „ … systematik ist ein korrektiv der spontanen innovation, oder auch umgekehrt“ (5).

anmerkungen
(1) ahrens, jürgen: zur arbeitsmethode sauerborns; in: heissenbüttel, helmut / kerber, bernhard / ahrens, jürgen: aen sauerborn 32 zeichnungen, hrsg. haarmann, rainer. Leutesdorf 1975 , pp. 19-22. (überarbeitete fassung eines gleichnamigen beitrags in: katalog sauerborn, kunstverein unna, unna 1973, p. 38 ss)
(2) aen sauerborn, neun bilder .in sechs farben entwickelt; katalog sauerborn, unna 1973, p. 30
(3) sauerborn a. a. o.
(4) dieser vorgang wurde ausführlich im katalog sauerborn, unna 1973, p. 38 ss beschrieben und mit abbildungen belegt
(5) aen sauerborn, gedanken zu meiner arbeit; katalog sauerborn, unna1973, p. 29