Werner Tübke: Bauernmarkt in Samarkand

Zum Bericht von Eduard Beaucamp in: FAZ Nr. 55 vom 06.03.99
Die groß mit Abbildung über vier Spalten aufgemachte Nachricht, daß das Leipziger Museum der Bildenden Künste das Bild von Werner Tübke „Bauernmarkt in Samarkand“ erworben hat, bestärkt erneut die nicht nur bei mir sich mehrenden Zweifel an der Urteilsfähigkeit derjenigen Redakteure in der Feuilleton-Mannschaft der FAZ, die die Richtung in der Kunstkritik vorgeben. Oder geht da vielleicht jeder seinem Hobby nach?

Sollte man der Bildunterschrift glauben können, so verdankt dieses Gemälde seine prominente Würdigung der Tatsache, daß die Moschee Bibi-Chanim als Hauptsujet mit „hybrider Größe und Erhabenheit“ ein „turbulentes und kontroverses Markttreiben in gedämpften Farben und erlesener stofflicher Nuancierung“ kontrapunktiert. Und dies gemalt im Jahre 1963!

Ohne gleich gänzlich der vielfach geschmähten „Westkunst“ verfallen zu sein, muß doch die Frage erlaubt sein: Geht eigentlich der Kontext der Kunst unseres Jahrhunderts neuerdings verloren? Gab es nicht Pollock, Barnett Newman, Rothko, ja gab es nicht in der alten Bundesrepublik Zero, als sie noch keinen Gedanken daran verschwenden konnte und mußte, zur Berliner Republik zu mutieren? Sollte es wirklich so sein, daß die Wiedererkennbarkeit kleinteilig gemalter Stories für die Kritik der FAZ ausreicht, Bilder zu bedeutenden, ja überhaupt nur erwähnenswerten Kunstwerken zu machen? Selbst jahrelang mit der Vermittlung zeitgenössischer Kunst befaßt kann ich diese modisch grassierende Vorliebe für eine Malerei, der man allenfalls guten Willen aber keine Zeitgenossenschaft zubilligen kann, entweder nur als Entschädigungsleistung an die Opfer der Abschnürung des Ostens oder als sich endlich befreit fühlende Sehnsucht nach dem scheinbar Einfachen werten. Provinzialität heißt Maß­stabslosigkeit, wie Reich-Ranicki einmal treffend formulierte.
Jürgen Ahrens, 1999