struktur und monochromie : raimund girke

(jürgen ahrens zur ausstellung „raimund girke“, galerie teufel köln 1974, katalog mit texten von klaus honnef und jürgen ahrens)

mit dem titel einer „strukturierten monochromie“ versah wieland schmied das werk girkes im katalog zur ausstellung der kestner-gesellschaft 1969; und diese beiden begriffe – struktur und monochromie – samt ihrer dialektischen aufeinanderbezogenheit erschließen dem betrachter sowohl die entwicklung girkes bis hin zu seinen hier gezeigten bildern als auch diese selbst. die gleichsam ontogenetische konsequenz der entwicklung girkes ist oft genug betont und analysiert worden. nun ist konsequenz der abfolge nicht schon gleich ästhetische gültigkeit, was manche anhänger systematischer kunst anzunehmen scheinen, aber sie mag doch als ein zusätzliches indiz für die relevanz eines schaffens wie dasjenige girkes dienen.

das äußerliche strukturgerüst ist schnell beschrieben: zerlegung geometrischer form in schmale streifen, aufbau komplexer strukturen mittels durchdringung solcherart gewonnener formen. interessanter und wesentlicher als solche bloße beschreibung von girkes vokabular ist die untersuchung dieser strukturbildung auf ihre möglichkeit innerhalb einer selbstauferlegten monochromie. struktur ist bedingt durch differenzierung der farbe. strikte monochromie schließt struktur schlechthin aus, es bliebe einzig die reine ungegliederte farbfläche weiß. das ist sozusagen der nullpunkt, hinter den nicht zurückgegangen werden kann, der aber auch nicht in seiner einfachheit stetig wiederholt werden kann, es sei denn um den preis der monotonie. das problem girkes ist also, aus der monochromie durch minimalste farbliche differenzierung zur struktur zu gelangen. dies gelingt durch die „natürliche modulation des weiß“ (apollonio), bzw. indem „die farbe an der untersten schwelle ihrer existenz“ (schmied) zur gliederung des weiß herangezogen wird. zur nichtfarbe weiß tritt als anderes die farbe einschränkend hinzu; es entsteht die struktur, die konkrete synthesis. man kann in der beschäftigung girkes mit weiß als „seiner“ farbe eine art mystizismus sehen. dieser verdacht liegt nahe und wird durch interpretierendes betonen des „meditativen“ charakters oder eines „moments der stille“ von manchen kritikern genährt, und es ist kaum sache des künstlers, dem entgegenzutreten. zunächst aber gilt unbestritten, daß sich für den maler girke der rückzug auf monochromie daraus legitimiert, daß mit der ausschaltung möglichst vieler parameter eines ästhetischen problems es selbst durch konzentration auf wenige ganz bestimmte, genau abgegrenzte faktoren und deren durchspielen leichter überschaubar, lösbar wird. der bereich malerischer, ästhetischer problematik also begründet die immanente notwendigkeit der farbreduktíon, nicht eine demgegenüber transzendierende deutung der besonderen farbe weiß. die besondere farbe weiß besitzt an sich keine spezifische prävalenz, ihre unbestreitbare prävalenz ersteht erst aus dem kontext, aus der bedeutsamkeit der ergebnisse girkes. in der intention trifft sich die aus der malerischen reflexion begründete reduzierung des farblichen und strukturellen bildgeschehens mit derjenigen albers‘ etwa, aber auch mit der ganz anders gearteten der minimal art: durch reduktion das sichtbare sichtbarer machen, also sensibilisierung.  zusammen mit fruhtrunk, calderara. jochims und prantl waren die arbeiten girkes unter der bezeichnung „konzeptionelle kunst“ vor einiger zeit mehrfach zu sehen. welche bedeutung man dem terminus „konzept“ auch geben mag und wie sehr es auch wahr ist, daß nur begriffliches denken für das subjekt wahrheit und gewißheit zu verbinden vermag, so hätte es doch keinen sinn, in diesem zusammenhang konzept mit begriff zu identifizieren. begriffe sind in einer spezifischen interdependenz an sprache gebunden, so daß ein nicht sprachlichen ausdrucks fähiger begriff nicht denkbar ist. wie aber bereits der ästhetische bereich der konkreten poesie „sprachgebilde“ hervorbringt, „die primär nicht etwas sagen, sondern konkret etwas sind“ (kolbe), so leisten begriffliche ambitionen außerhalb ihres angestammten ortes in der sprache im gleichfalls konkreten bereich malerischer aktivität allenfalls leere tautologien. malerei erzeugt keine begriffe, höchstens sekundär, denn „es handelt sich nicht um den geist, der sich selbst reflektiert“, wie es apollonio einmal formulierte. oder: „die gestalt dieses wissens (sc. in der kunst) ist… die konkrete a n s c h a u u n g und vorstellung des a n s i c h absoluten geistes als des ideals, – der aus dem subjektiven geiste geborenen konkreten gestalt. in welcher die natürliche unmittelbarkeit nur ze i c h en der idee ist“ (hegel). malerei ist wesentlich eines der aus subjektivität hervorgebrachten „sprachgebilde, die primär nicht etwas sagen“, sie ist sprachlos im sinne wittgensteins: „wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“ die arbeiten girkes schweigen, und insofern hat es doch wiederum seine berechtigung, von einem „moment der stille“ zu sprechen, das von diesen arbeiten ausstrahlt.

es kann schlechterdings nicht gedacht werden, was nicht prinzipiell zumindest als aufgabe gegenstand des erkennenden hinwendens des subiekts wäre. in dieser unbestimmten allgemeinheit trifft natürlich auch der hinweis apollonios bezüglich der unter dem titel „konzeptionelle kunst“ zusammengefaßten arbeiten auf girkes malerei zu, sie sei hinsichtlich ihrer prinzipien und methodik so organisiert, daß sie „zu einer gnoseologischen aufgabe wird“. demgegenüber verdient der satz von albers festgehalten zu werden,  daß „nicht das sogenannte wissen von sogenannten fakten, sondern das sehen“ zählt. und jeder solcherart „phänomenologisch“ orientierte betrachter wird zu dem ergebnis kommen, daß ein analytisches aufsuchen von fakten angesichts der malerei girkes irrelevant bleibt; das erkennen von struktur- und farbrelationen ist nicht „zweck“ der arbeiten. so hat gírke überhaupt das stadium der puren reflexion auf die mittel und bedingungen, unter denen seine und jede malerei steht, bereits hinter sich. er realisiert konkret diese bedingungen als gegenstand, der unter eben diesen bedingungen steht, im vollen bewußtsein dieser bedingungen; „er schaut sich selbst bei seiner arbeit über die schulter“.

(zuerst veröffentlicht in der 1970 verlegten graphikmappe zur ersten einzelausstellung der arbeiten von raimund girke in der galerie teufel in koblenz)