Die Nicht-Endgültigkeit der Form : Franz Bernhard

Anmerkungen zum Prozeßcharakter
der Skulpturen von Franz Bernhard

Das lapidare Diktum Bernhards: „So wie die Sache gemacht ist, sieht sie eben aus … und das, was an der Sache gemacht ist, ist ebenfalls ablesbar“1 umreißt präzise den prozessualen Charakter der Bernhard’schen Skulpturen.

Das Gemachtwerden der Skulptur wird nicht durch eine geglättete, ’schöne‘ Oberflächenfaktur verleugnet, vielmehr bezieht sich die stehengelassene Werkspur ausdrücklich auf den Prozeß der Formfindung, als dessen Ergebnis die fertige Skulptur vor uns steht. Deutlich wird hier, daß einerseits die Form dominant gegenüber allem Unwesentlichen der Oberflächenhaut mit ihren zufälligen und nicht intendierten graphischen Reizen ist (und insofern tritt, wie Rump bemerkt, der Effekt einer Entmaterialisierung des Materials ein2), daß aber andererseits gerade das damit legitimierte Stehenlassen der Werkspur in einer dialektischen Wende auch wieder die Materialität des Materials betont.

Vernissage der Ausstellung Franz Bernhard : Skulpturen Galerie Jürgen Ahrens 1980 (F.B. rechts, der Autor links)

Vernissage der Ausstellung Franz Bernhard : Skulpturen
Galerie Jürgen Ahrens 1980 (F.B. rechts, der Autor links)

Die Prozessualität und die damit angesprochene, sie fundierende Anschauungsform der Zeit manifestiert sich in drei Wesensmerkmalen der Skulptur. Zunächst ist sie in der Zeit entstanden, das heißt der Bildhauer mußte Zeit (seine Individualzeit) aufwenden zur Herstellung des Werks. Diese Herstellungszeit geht in Form von Werkspuren in das Werk ein und wird ins Bewußtsein gehoben durch die nicht-schöne Oberflächenhaut mit all den Spuren des Bearbeitens. Zudem thematisieren auch die Werkstoffe Holz und Eisen einen Zeitcharakter, denn beide reagieren auf Zeit (Holz verändert seine Farbe, Eisen rostet); bei Holz kommt noch hinzu, daß es als Gewachsenes Spuren der eigenen Materialzeit, seiner vorkünstlerischen Geschichte3 konserviert (Jahresringe mit ihren Unregelmäßigkeiten). Eine dritte Dimension der Zeitlichkeit kommt schließlich mit dem Betrachter ins Spiel, der wiederum seine Zeit aufwenden muß, um sich des Werks zu bemächtigen, da es sich als konkrete Raumfigur nicht gedanklich sondern immer nur real erschließt, durch Umschreiten zum Beispiel.

Dieser Zeitaufwand des Betrachters korrespondiert nun bei Bernhard wesentlich mit dem Zeitauwand des Bildhauers: Der Zeit, die Bernhard zur Findung einer in sich logischen, schlüssigen Figur im Raum aufwenden muß, entspricht die Zeit des Rezipienten, die dieser aufwenden muß, um für sich konkret im Raum eine Vorstellung von der Figur aufzubauen und festzuhalten. Das Eigentümliche an diesen beiden ‚Zeiten‘ ist, daß sie beide prinzipiell unabgeschlossen sind. Der Formfindungsprozeß bei Bernhard ist ein Vorgang des Entdeckens, da nicht von vornherein idealiter feststeht, wie die Form beschaffen ist.

Franz Bernhard in der Ausstellung "Skulpturen" Galerie Jürgen Ahrens, 1980

Franz Bernhard in der Ausstellung „Skulpturen“
Galerie Jürgen Ahrens, 1980

Die Form wird von Bernhard in einer Vielfalt von Anläufen, von hermeneutischen Einzelprozessen angegangen, „seine Augen als ‚optische Goldwaage‘ benutzend“4. Aber letztlich ist es immer eine Entscheidung, die der Skulptur das Prädikat ‚fertig‘ zuteilt, also ein Schnitt5 im zeitlichen Fluß, der das Fragmentarische der Form unterstreicht, die Vorläufigkeit des Ergebnisses, das immer wieder Ausgangspunkt des unendlichen, weil nicht-abschließbaren Formfindungsprozesses des Bildhauers Franz Bernhard ist – ein Prozeß, der das Einzelwerk übergreift und ihm eine fragmentarische Rolle innerhalb von Problemzusammenhängen zuweist. Es gibt keine fertige, ideale Form sie kann nur als begleitendes Korrektiv des Werkprozesses postuliert werden. Der Aneignungs- und Leseprozeß auf seiten des Betrachters ist das durch das Werk gesteuerte ‚Aufscheinen‘ der idealen Form, die sich aber immer wieder entzieht und in immer neuen, eben zeitlich unabschließbaren Hinwendungen zum konkreten Werk intendiert wird. Die Singularität des Hier und Jetzt des konkreten Betrachters und die Vielfalt, ja prinzipielle Unendlichkeit der möglichen konkreten Hier-und-Jetzt-Situationen der Skulptur macht eine konkret abgeschlossene Aneignung der Form unmöglich. (1977)

Anmerkungen
1 F.B. in Katalog Wilhelm-Lehmbruck-Museum, Duisburg 1971 S. 7-9
2 Vgl. oben G.Ch.Rump Ms. S. 4f (Nachweis folgt)
3 zur Geschichte von Holz resp. Eisen als künstlerische Medien mit je eigener ‚Erinnerung‘ vgl. W.Kemp, in Katalog zur Ausstellung:Holz = Kunst~Stoff, Kunsthalle Baden-Baden, 1976
4 H.A.Peters, Laudatio zur Verleihung des Hans-Thoma~Preises an F.B. in Bernau, abgedruckt in: Ekkhart – 1978, pp. 107-115
5 so hat Corten II mit einer Länge von 380cm (Abb. 73) als KleinSkulptur (Abb. 60) ‚angefangen‘, wie F.B. in einem Gespräch am 24.05.1977 dem Autor mitteilte