Konstruktive Farbe

Zur Arbeit von Aen Sauerborn. Städtische Kunstsammlungen Ludwigshafen 1972
Katalog pp. 10, 11

„Die Freiheit neigt immer zum dialektischen Umschlag. Sie er­kennt sich selbst sehr bald in der Gebundenheit, erfüllt sich in der Unterordnung unter Gesetz, Regel, Zwang, System … “ [1] Diese Sätze Thomas Manns beziehen sich zwar auf das im „Doktor Faustus“ entwickelte System des strengen musikalischen Satzes bei Schönberg, sie kennzeichnen aber genau die Situation jeder Kunst, die die Auseinandersetzung von individueller Spontaneität und präkomponierter Konstruktion des Materials als für sich relevant auffaßt.

Wenn auch von einer derartigen Strenge wie in dem oben ange­führten Beispiel in der konstruktiven Kunst nicht oder nur verein­zelt die Rede sein kann, so zeigt doch gerade das Beispiel Aen Sauerborns, daß und in welchem Maße die „Arbeit des Komponie­rens“ in das Material zurückverlegt werden kann. Diese Zurück­verlegung der eigentlichen oder eines wesentlichen Teils der Arbeit in das Material basiert auf der selbstgesetzten, also in Spontaneität wurzelnden Beschränkung auf bestimmte konstruk­tive Elemente und Methoden. Nun hat die Musik aus verschie­denen Gründen den sicherlich unschätzbaren Vorteil der höheren Prä-Komponierbarkeit des Materials, da sie sich als Organisation des Nacheinander – der Zeit – ihre Struktur gemäß den drei Di­mensionen der Tonhöhe, Tondauer und Tonintensität aufbaut, während die Malerei die ungleich schwerer zu fassende, weil viel­deutigere Organisation des Nebeneinander – der Fläche – gemäß den zwei Dimensionen der Farbextension und der Farbqualität zur Aufgabe hat.

Der dialektischen Beziehung von Freiheit und Gebundenheit, ma­lerischer Spontaneität und konstruktiver Systematik ist sich die Malerin bereits sehr früh bewußt geworden. Die Arbeiten Aen Sauerborns sind von bei den Extremen und ihrem Anspruch auf Unbedingtheit gleich weit entfernt. Sowohl der Anspruch der tota­len Vorkomposition des Materials – wie im Fall der systematisch­konstruktiven Kunst – als auch derjenige einer schon nicht mehr konstruktiv orientierten malerischen Haltung sind ihr gleicher­maßen fremd. Ein besonders schönes Beispiel hierfür bilden einige ihrer frühen Aquarelle, die in ihrer der Technik anhaften­den Spontaneität und Farbtransparenz zusammen mit Ihrer Bin­dung an geometrische Geschlossenheit die Vorliebe Aen Sauerborns für Konstruktionen belegen, die sich in malerischer „Unschärfe“ auflösen, oder vielmehr: in denen das auch und gerade in ihren neuesten Arbeiten sichtbare Prinzip bereits mani­fest wird, die Konstruktion nicht primär, sondern behutsam kon­trolliert durch eine malerische, an Farbdifferenzierung interessierte Instanz einzusetzen.

Das bildnerische Vokabular, durch das eine gewisse Prä-Organi­sation des Materials erreicht wird, ist für Aen Sauerborn der Kreis und die Gerade, die in ihrer wechselseitigen Beziehung und Durchdringung ein durch die Farbe bestimmtes Spannungsfeld aufbauen. Zu Beginn der neuen konstruktiven Phase Aen Sauer­borns – nach einem für die Entwicklung des heutigen Formen­vokabulars außerordentlich wichtigen Zwischenspiel in Collagen und Materialbildern – herrschte naturgemäß, d. h. bedingt aus der Entwicklung, die Arbeit an der hinreichenden Differenzierung der Struktur vor, die dann die Aufgabe des Mittels zur Visualisle­rung und Artikulation der malerischen Probleme übernehmen konnte. Die Bevorzugung extrem leuchtintensiver Farbtöne diente hier noch zur Steigerung der Suggestivkraft der Form.

Dieser Signalcharakter der intensiven Farbe wurde aber sehr bald abgebaut, der Sinn für feinnervige Differenzierung von Farbfeld­harmonien zurückgewonnen, jetzt aber artikulierbar durch das präorganisierte Vokabular der Konstruktion. Die Intensität der Farbe wird in ihrer Äußerlichkeit, d. h. in ihrem Signalcharakter, zurückgenommen zugunsten einer neuen, wachsenden Innerlich­keit und Subtilität der Farbnuancierung. Die exakte Konstruktion als das Element der Gebundenheit und des Systems findet ihre Aufhebung und Befreiung in der Impulsivität und Emotionalität der Farbe: die „konstruktive Farbe“ umspannt System und Emotion als Einheit. Die Konstruktion wird durch die Farbe befreit und schafft die entsprechend komplex strukturierten Relationen innerhalb der Farbe.

Anfangs verwandte Aen Sauerborn die konstruktiven Elemente mittels Positiv- und Negativ-Setzung einer aus Kreis und Kreis­segment synthetisierten Form zur Bildung einer Gestalt auf einem Hintergrund; insofern war die Entwicklungsrichtung bereits vor­gezeichnet. Inzwischen ist der Weg beschritten: Überwindung der isolierten Gestalt und – bei Hinzunahme des Formelements der Geraden – Integration des formalen wie farblichen Geschehens unter Wahrung der Differenzierung der Farbe in eine Gesamtfläche. Bereits an den Werken, die am Beginn der jetzigen kon­struktiven Phase Aen Sauerborns stehen, ließ sich ablesen, daß das Kreiselement einen erheblichen Teil seiner formalen Kraft – neben seiner Bestimmung durch die Farbe – aus dem Span­nungsfeld bezog, das die Quadratform der Leinwand in Relation zum Formelement aufbaute. In diesen Arbeiten sind die einzelnen Kreisformelemente so angeordnet, daß sich aus ihnen mehr oder minder stabile Quadrate als Superzeichen aufbauen, deren opti­scher Reiz gerade in ihrer permanent erfaßten Instabilität besteht.

Aus der Spannung zwischen Emotionalität der Farbe und Kon­struktivität der Form lebt das Schaffen Aen Sauerborns. Hierbei ist nicht zu übersehen, wie sich in manchen Arbeiten die Form zu einem meditativen Kraftzentrum verdichtet, das aus ihrer in sich zentrierten, schwebenden und ruhigen Geschlossenheit erwächst, zu einem suggestiven Intuitionsstimulans, wie es der Kreis in der Meditationsunterweisung der Zen-Spekulation seit jeher darstellt.

Anmerkungen
[1] Mann, Thomas: Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde. Stockholmer Gesamtausgabe. Frankfurt am Main: S. Fischer 1967, p. 253