Ausdruck oder konkrete Gestaltung : Van Doesburg

Van Doesburgs Auffassung der Vierdimensionalitat und seın „Antiillusionismus“. Ein Briefwechsel zwıschen Jan Leering, Eindhoven und Jürgen Ahrens, Koblenz (1969)

Das Stedelijk van Abbemuseum in Eindhoven zeigte bis Ende Januar 1969 die erste umfangreichere Einzelausstellung van Doesburgs seit langer Zeit. Wegen der außerordentlichen Bedeutung van Doesburgs für die Entwicklung nicht nur der konstruktiven Kunst ist es daher sehr zu begrüßen, daß die Ausstellung während der Konstruktiven Biennale in Nürnberg als einziger Station in der BRD zu sehen sein wird. Zu der Eindhovener Ausstellung erschien ein ausgezeichneter Katalog mit reichem dokumentarischem Material und Aufsätzen von Jan Leering, dem Direktor des Van-Abbe-Museums und Vorsitzenden des Ausschusses für Malerei der dokumenta lV, und Joost Baljeu. Auf diesen Katalog bezieht sich der Brief von Jürgen Ahrens an Jan Leering. Wir meinen, daß dieser Briefwechsel auch insofern von Interesse ist, als van Doesburg, Initiator der De-Stijl-Gruppe, auf Vordemberge-Gildewart schon früh einen nachhaltigen Einfluß ausübte.

„In der Einleitung zum van Doesburg-Katalog schreiben Sie: „Meer nog dan Mondrian tracht hij … elk illusionisme uit te sluiten: zijn kunst is eindelijk een goed eind op weg niet langer een ‚b e e l d‘ van de kosmische harmonie te geven, maar c o n c r e t e kunst te zijn.“ 1) Jetzt taucht die Frage auf: Wie kann van Doesburg einerseits eine strikt antiillusionistische Stellung einnehmen und andererseits, wie Joost Baljeu in seinem Beitrag ausführt, bestrebt gewesen sein, mit seinen künstlerischen – malerischen und architektonischen – Aktivitäten vierdimensionale Realität 2) auszudrücken. Ich verkenne selbstverständlich nicht den fundamentalen Einschnitt, den die Einführung des Begriffs der Vierdimensionalität bedeutet. Aber rechtfertigt diese umfassende und fundamentale Bedeutung einer derartigen wissenschaftlichen Entdeckung eine Übertragung auf ein ästhetisches Gebiet? Wie Sie schreiben, läßt sich als allgemeine Charakteristisk der Entwicklung van Doesburgs sein Bemühen angeben, die Kunst von allen Fremdbezügen zu befreien und die ihr eigenen Mittel zu bestimmen. Verstößt van Doesburg nicht gegen seine eigene Ablehnung der „oneigenheiden“ der Kunst, wenn er mit den Mitteln der Kunst Vierdimensionalität, also etwas außerhalb ihrer selbst ausdrücken will? Führt er nicht geradezu für die Kunst wieder eine neue Art von Illusionismus ein, zwar abstrakter und weniger unmittelbar als in der puren Abbildung von Dingen der uns umgebenden Realität, aber doch ein Illusionismus, indem etwas dargestellt; repräsentiert wird: nämlich die Vierdimensionalität als Prinzip unserer neuen Weltansicht? Insofern unterscheidet sich van Doesburg meiner Ansicht nach überhaupt nicht von dem „Illusionismus“ Mondrians, der „een ,beeld‘ van de universele werkelijkheid“ geben wollte.

Mir scheint, das ist die fundamentale Frage schlechthin der neueren Kunst. Kunst soll konkret sein, einen „unverfälschten Wirklichkeitsaspekt“ tragen, d. h. sie soll genauso wie die Dinge der uns umgebenden Realität nichts außer sich intendieren. Damit ist aber nur eine Seite der Kunst reflektiert: ihre konkrete Natur. Nun soll sie auch Kunst sein; damit sich das ästhetische Objekt inmitten aller anderen ebenfalls konkreten Objekte als ästhetisches ausweisen kann, muß zu seiner Bestimmtheit als „konkret“ noch eine differentia specifica abhebbar sein, vielmehr es muß unter einem Prinzip stehen, das es über sein bloßes Objektsein hinaushebt und es als ästhetisches auszeichnet. Aus dem Dilemma, ein solches Prinzip oder unterscheidendes Merkmal anzugeben, hinauszugelangen, bieten sich manche Wege:
1) man negiert überhaupt eine spezifische Differenz
2) man verfällt in eine Form des Illusionismus, indem mit anderen Mitteln (was macht sie zu künstlerischen?) irgendwelche großen Dinge „dargestellt“ werden: die Natur, die universale Harmonie oder auch die Vierdimensionalität.
3) Besinnung auf das „Potentiale der künstlerischen Mittel“ (welches aber sind die?). Es ist die uralte Frage nach dem „Kriterium“, das nicht außerhalb der Kunst liegen darf.
ad 1: Negiert man eine spezifische Differenz zwischen ästhetischern Objekt und der Totalität der übrigen konkreten Gegenstände, so hat sich der Künstler ein riesiges Betätigungsfeld erschlossen. Er kann einfach produzieren; durch mehr oder minder große Komplexität seiner ästhetischen Informationen wird ihm vielleicht eine Abgrenzung seiner Produkte von denjenigen der nichtästhetischen Produktion (industrielle, technische Produktion) gelingen. In dieser Situation befindet sich im Grunde die gesamte sogenannte „Systematische Kunst“. Sykora hat ja bekanntlich den naheliegenden, konsequenten Schritt gewagt zur computergesteuerten Einzelausführung, während nur noch das Programm der Kontrolle des Künstlers untersteht. Ist erst einmal der ganze , metaphysische Überbau der Kunst mit der reinen Kennzeichnung der ästhetischen Objekte als konkrete gefallen – und fallen mußte er nach der ungeheuren Aufladung mit literarischem „Inhalt“ während des 19. Jahrhunderts -, so erscheint eine „formalistische“ Theorie der Bildenden Kunst als der einzige Ausweg (zur Erläuterung habe ich Ihnen meinen Aufsatz „Systematische Visualität“ in KONTAKT 1 beigelegt).‘ Dann macht die Kunst jetzt durch, was die Mathematik Ende vorigen Jahrhunderts durchmachen mußte: der Abwurf alles idealistischen, platonischen Ballasts und die Neubegründung als formales System auf der Grundlage der Kalkülerzeugung; dann wäre tatsächlich die Kunst in ihrem Selbstverständnis beim „visuellen, ästhetischen Kalkül“ angelangt.
ad 2: Der illusionistische Ausweg erscheint heute selbstverständlich nicht mehr als Reproduktion der Natur gangbar. Vielmehr wird die Reproduktion der Natur ersetzt durch andere, aktuellere „Inhaltlichkeit“: Soziales gesellschaftliches Engagement, die universale Harmonie Mondrians, tiefenpsychologische Erfahrungen, Van Doesburgs Vierdimensionalität und als faszinierendes Moment: die Technik. Ohne Zweifel muß jedes Zeitalter die ihm zur Verfügung stehenden technischen Mittel in den Kunstprozeß einbeziehen. Aber es ist meines Erachtens die größte Sünde wider den endlich errungenen Antiillusionismus nun an die Stelle der Natur die Technik zu setzen (oder auch die Vierdimensionalität)! Erstens ist eine Reflexion auf unsere technisierte Umwelt nicht bereits dadurch gegeben, daß der Künstler einfach wiederholt (wenn auch in leicht verfremdetem Medium), was ihn umgibt; dadurch kommt der etwas primitive Eindruck zustande, den die vielen funktionierenden ästhetischen Maschinen auf der documenta IV beim Besucher hinterließen, denn die technische Wirklichkeit ist unendlich perfekter, komplizierter, r e i z v o l l e r. Zweitens aber ist es wirklich fraglich, ob es überhaupt Aufgabe des Künstlers qua Künstler sein kann, auf seine Umwelt zu reflektieren. Sicher wird er es auch immer indirekt tun, das aber ist nicht das gesuchte Spezifikurn, das ihn als Künstler ausweist, der empirische Soziologe z. B. erledigt das viel exakter.
ad 3: Der eigentliche Ausweg kann tatsächlich nur die radikale Besinnung auf das „charakteristisch Eigene der Kunst und das Potentiale ihrer Mittel“ sein, wie Sie im documenta-IV-Katalog schreiben. Van Doesburg leistete diese radikale Besinnung – und verstieß sofort wieder dagegen mit seinen Bemühungen, die neu entdeckte Vierdimensionalität darzustellen. Die Formulierung dieses charakteristisch Eigenen scheint mir jedoch noch nicht viel vorangekommen zu sein seit Van Doesburg“ _ Jürgen Ahrens

Daraufhin die Antwort Leerings:
„Ich bin kein Mathematiker und kein Philosoph, und in deren Sprechweise wird meine Antwort nicht zu verantworten sein. Aber als Museumsdirektor, der auf seine Tätigkeit und die in dieser Tätigkeit begegnenden Werke reflektiert, hoffe ich etwas über die von Ihnen angeschnittene Problematik sagen zu können.

Van Doesburg versucht meines Erachtens nicht, die vierdimensionale Realität auszudrücken sondern eine vierdimensionale Realität zu machen.

In seiner Malerei versucht er, den Raum zwischen dem Bild und dem Betrachter zu gestalten („beelden“) d.h. mittels einer zweidimensionalen Fläche zu intensivieren. Die Bewegung des Betrachters spielt dabei eine wichtige Rolle: Nicht nur sprengt die Komposition der Bemalung die Komposition (die Ränder) der bemalten Fläche (Kontra-Komposition), sondern das Bild hebt für den Betrachter auch die Notwendigkeit auf, sich in der Achse des Bildes aufzuhalten (siehe Kontra-Komposition mit Dissonanten XVI von 1925, abgebildet im Katalog unter der Nummer A 41; und die Rekonstruktionen der „Aubette“).

In der Architektur machte er bemalte Modelle, die seines Erachtens nicht weit genug gingen, weshalb er Architektur-Phantasien entwarf (Kontra-Konstruktionen). Um diese zu veranschaulichen, fertigte er farbige Zeichnungen an. Wie schon im Katalog gesagt, haftet diesen Zeichnungen ein stark illusionistischer Aspekt an. Natürlich konnte er die architektonische vierdimensionale Realität nur in einem dreidimensionalen Objekt verwirklichen, aber er benutzte zweidimensionale Zeichnungen, um seine Idee sichtbar zu machen. Diese haben also starken Illusions-Charakter.

Die Schwierigkeit besteht darin, daß van Doesburg glaubte, es bestehe nicht eine vierdimensionale Realität neben einer dreidimensionalen, die beide auf je eigene Weise gestaltet werden müßten, sondern er und die Dinge lebten in einer vierdimensionalen bzw. multidimensionalen Realität, die nicht zu umgehen sei, vielmehr erst durch das neue Bewußtsein anerkannt werde. Er glaubte also, die vierdimensionale Realität zu gestalten und also wahrhafter zu sein. Denn die Vierdimensionalität sah er als eine Eigenschaft aller Wirklichkeit an, die in der Wissenschaft eine bestimmte Formulierung erhält, in der Kunst aber nach einer andersgearteten Formulierung verlangt. Vierdimensionalität war also für ihn nicht nur eine Sache der Wissenschaft, sondern des Lebens, der Wirklichkeit überhaupt, die in der Wissenschaft eine Äußerung und Kennzeichnung erhält und in der Kunst eine andere.

Die Kunst hat bei van Doesburg die Funktion der Bewußtwerdung von Wirklichkeitsstrukturen und ist immer mit „Konzept“ 3) verbunden, wie Sie selbst in Ihrem Aufsatz in KONTAKT 1 aufweisen anläßlich des Charakters des Experimentes. Aber das Konzept ist nicht ein Abbild der Wirklichkeit, sondern stiftet auch neue Wirklichkeit. Wenn Sie das Wort „ästhetisch“ so begründen, bin ich einverstanden mit seiner Verwendung.“ Jan Leering

Anmerkungen
1) „Mehr noch als Mondrian suchte er … jeden Illusionismus auszuschließen: Seine Kunst ist schließlich ein gutes Stück Weg, nicht länger ein „Abbild“ von der kosmischen Harmonie zu liefern, sondern konkrete Kunst zu sein.“
2) Vierdimensionalität: die äußere Realität wird als Raum-Zeit-Kontinuum aufgefaßt, d. h. zum Beispiel muß zur Beschreibung eines Prozesses neben den drei räumlichen Koordinaten noch eine Zeitkoordinate angegeben werden.
3) Von Leering hier im Sinne des holländischen „concept“ gebraucht, also „Entwurf“. Jürgen Ahrens.